For CV in english,please go to www.ks-gasteig.de Von der musikalischen Vielseitigkeit - Juliane Banse Von Eva Gesine Baur Wer Juliane Banse erlebt, meint, sie kenne keine Probleme. Weder technisch noch darstellerisch, weder was die Tiefe der Interpretation, noch was die Sicherheit der Intonation angeht. Und doch hat sie ein Problem, um das sie freilich viele beneiden: sie ist vielseitig. Und auf allen Seiten überzeugt sie, wie das ein Kritiker der FAZ erkannte, „mit einer Vielfalt sinndeutender Nuancen“. Wo da ein Problem liegen soll? Sie bewältigt alles doch offensichtlich so mühelos, wie ihr privates Leben als Ehefrau eines Dirigenten und Mutter zweier kleiner Söhne mit dem Beruf zu vereinbaren. Eine große Künstlerin zu sein, beschenkt mit Schönheit und Charisma, genügt heute nicht. Sie muss sich auch verkaufen lassen. Und da ist Vielseitigkeit, so sehr wir sie bei toten Genies bewundern, oft hinderlich. Die Marketingstrategen haben unsere Gehirne gründlich gewaschen mit den Wassern des Mainstreams. Und erfolgreich: Wer gegen diesen Strom schwimmt, sagen wir uns, muss doch verrückt sein. Wem Effizienz als Ideal gilt, dem muss Vielseitigkeit verschwenderisch erscheinen. Warum verhält sich Juliane Banse nicht stromlinienförmig? Warum möchte sie nicht mit einem Satz definierbar sein? Sie kann doch wählen, wer oder was sie sein will. Sie könnte sich als Mozart-Spezialistin preisen lassen, die mit zwanzig bereits als Pamina zu Weltruhm kam, als Ilia, Susanna oder Gräfin von Berlin bis Lyon, von Glyndebourne bis zu den Salzburger Festspielen überzeugte und Mozarts Konzertarien beseelt. Sie könnte sich auch, gesegnet mit einem absoluten Gehör, als die Expertin für kaum singbare Werke der Gegenwartskomponisten verkaufen. Oder als Liedsängerin der Sonderklasse, die Schumann wie Holliger, Richard Strauss wie Britten, Schubert wie Berg souverän gestaltet. Sie könnte auch lancieren, dass sie eine große, preisgekrönte Entdeckerin von Neuland ist, für ihre Deutung von Koechlins Vokalwerken den Echo-Preis und den BBC-Award sowie für die Kafka-Fragmente von Kurtág außerdem den Deutschen Schallplattenpreis bekommen hat. Doch hartnäckig weigert sie sich, alles nur auf eine der vielen Karten zu setzen. Dabei wäre es dann so einfach für sie, eine Marke zu werden, einprägsam und unverwechselbar. „Die Vielseitigkeit brauche ich für mich“, sagt Juliane Banse. Wie sie zu dieser Einstellung kam, weiß sie. Da waren die großen Lehrerinnen Brigitte Fassbaender und Daphne Evangelatos, die ihr eben jenen gepriesenen Nuancenreichtum beibrachten. Doch über den verfügt nur, wer täglich neue Schattierungen erobert. Dann war da der Regisseur Harry Kupfer, der sie wie jeden erbarmungslos in Frage stellte, „von der Augenbraue bis zum kleinen Finger“. Sie ging durch die harte Schule der Glaubwürdigkeit. Doch ganz verschiedene Charaktere glaubhaft zu gestalten, vermag nur, wer sie auch alle erkundet hat bis in den verborgensten Winkel. Und schließlich kam da Claudio Abbado, der Lehrer der Vergeistigung, dem es nur um eines geht: auf das Wesentliche zu kommen. Wie aber wissen, was jenes Wesentliche ist, ohne weite Exkursionen zurückgelegt zu haben durch die Gefilde der Musik? Sinngebend werden von Juliane Banses Interpretationen zurecht genannt. Doch erst das Gewusste, Erlebte, Verstandene und Durchlittene, über das sie aber verfügt wie über einen kostbaren Vorrat, gibt ihr jene Fähigkeit. Erst dieses immense Reservoir, aus dem sie schöpft, ermöglicht ihr, Mahlers Wunsch an die Musiker zu erfüllen. Das Beste an der Musik, hat er gesagt, stehe nicht in den Noten. Das müsse der Künstler hörbar machen. Und dafür genügt keine noch so vollendete Technik, kein noch so sinnliches Timbre. Dass Juliane Banse ausgebildet ist als Balletttänzerin, ist nicht nur zu sehen, es ist zu spüren und zu hören. Sie weiß, dass es ein Balanceakt ist, sich in so vielen Regionen der Musik zu bewegen. Doch sie weiß auch, dass sie ihn eben deshalb immer wieder besteht, weil die Vielseitigkeit ihr das innere Gleichgewicht gibt. In einer Zeit, wo die Sinnsuche zum Leitmotiv der westlichen Welt geworden ist, hat eben das Zukunft. Denn auch der Sinn ist niemals im Mainstream zu finden. Wer mit Juliane Banse redet, wird mitgerissen. Und entdeckt in ihrer Tiefe tausendundein Geheimnis. |










